Freitag, 22. August 2014

The Golden Road to Samarkand


Der Bus, der uns nach Samarkand bringen soll, sieht aus, als hätte er diese Strecke schon sehr oft befahre. Richtig vertrauenserweckend macht ihn das nicht.
So erwartet uns eine sehr ruckelige, sehr langsame, sehr heiße Fahrt.
Pause: das Geschäft verrichtet Frau in einer Reihe von Löchern im Boden, der Sichtschutz zur Nebenfrau geht etwa bis zum Bauchnabel, sodass man sich bequem über die Absperrung unterhalten könnte - wenn man denn die gleiche Sprache spräche.

Samarkand ähnelt Buchara und Khiva nur auf den ersten Blick: natürlich ist das Stadtzentrum wieder blitzblank geputzt und die Haupt-Sehenswürdigkeiten liegen an einer Allee mit feschen Cafés und überteuerten Souvenirshops.
Entfernt man sich aber nur minimal von den Hauptstraßen, zum Beispiel durch ein kleines Tor direkt beim Tourist-Office, sieht man etwas, was mir fast einen Aufschrei der Entzückung entlockt: eine echte, belebte Stadt!

Es gibt kleine, zum Teil verfallene Moscheen, es gibt einen Brotbäcker, der gerne seinen Ofen zeigt, es gibt kleine Straßenjungs, die ein bisschen Englisch üben wollen und Obstverkäufer, die den Fremden ein paar Früchte schenken und sich über ein Foto freuen.
Dass man sich über den normalen Alltag in einem Städtchen so freuen kann.
Danaben verschwinden die in Buchara und Khiva omnipräsenten Tourgruppen fast im Schwall der usbekischen Touristen, die mit ihren Familien die Mausoleen, Moscheen und Medressen besuchen.

Registan

Trotz horrender Touristen-Eintrittspreise tun wir uns also nochmal ein paar Tage Kultur an.
Der schon von außen eindrucksvolle Registan-Platz lohnt auch von innen: die Fotoausstellung in der Tilla-Kari Medressa vermittelt einen Eindruck von der Anlage vor der sowietischen Renovierung.
Die auffällige türkise Kuppel zum Beispiel: nur ein Ausdruck sowietisch-künstlerischer Freiheit.
Ebenso eindrucksvoll und leider ebenso sowietisch-renoviert ist die Mausoleumsstraße Shah-i-Zinda, wo man auch das Grab eines Cousins des Propheten Mohammed, Qusam-ibn-Abbas, bestaunen kann. 

Bibi%20Khanum

Bei Renovierungsarbeiten nicht ganz so gut weggekommen ist die Bibi-Khanum Moschee, die aussieht als würde sie jeden Moment in sich selbst zusammenfallen.
Bibi-Khanum soll die Moschee als Überraschungsgeschenk für ihren Mann Timur Lenk haben bauen lassen. Timur war im Krieg und - alte Geschichte - Bibi war alleine, der Architekt verliebte sich unsterblich in sie und weigerte sich, die Moschee zu vollenden, wenn er Bibi nicht wenigstens einen Kuss auf die Wange geben könnte.
Bibi ließ das zu, selbstverständlich nur, um dem Bau der Moschee nicht im Wege zu stehen.
Nun hinterließ der Kuss aber ein Mal auf Bibis Wange, das Timur bei seiner Rückkehr entdeckte. Wie man sich vorstellen kann, war der plötzlich gar nicht mehr so erfreut über die Moschee, sein Überraschungsgeschenk und ließ seine Frau vom Minarett der Moschee werfen.
Diese bat aber, in all ihren Kleidern sterben zu dürfen und wurde so sanft vom Wind davongetragen, direkt in die Arme des Architekten.
(Es gibt auch eine über-18-Version der Geschichte. Darin wird der Architekt exekutiert und Frauen im Reich Timurs müssen ab da Schleier tragen, um Männer nicht mehr verführen zu können. Aber bei Legenden finde ich es durchaus passend, sich die rauszusuchen, die einem am besten gefällt.)

Tief in der Altstadt versteckt finden wir das Ishratkhana Mausoleum. Hier hatten sowjetische Restaurateure offensichtlich entweder gar keine Zeit, gar keine Lust oder gar kein Geld mehr, es steht jedenfalls recht verfallen in einer Art Garten, wo ein Bauer Mais anpflanzt.
Der Bauer hat aber offensichtlich einen lukrativen Nebenjob entdeckt: er stellt sich als „Kasse“ vor. Na gut. Dafür erklärt er dann, dass die spärlichen Restaurierungsarbeiten jetzt von lokalen Archäologen mit deutschem Geld durchgeführt werden und zeigt uns einen Weg hoch bis knapp unter‘s Dach.
Eine ganz andere und fast noch bewegendere Erfahrung, als die überall verteilten, strahlend renovierten Haupt-Attraktionen.

Was diese angeht, fehlt uns noch Gur-E-Amir, das Mausoleum von Timur Lenk. Dieses wird außer uns gerade hauptsächlich von betenden Pilgern besucht, was uns einen stilecht atmosphärisch untermalenden Singsang beschert. Die Legende geht, dass ein sowjetischer Archäologe 1941 die Krypten von Timur und Familie öffnete, um Nachforschungen über Statur und Todesursache anzustellen. Daraufhin fand er auf dem Sarkophag Timurs eine Inschrift: der, der Timur hier stören würde, bekäme es mit einem Feind zu tun, der noch furchtbarer als dieser selbst sei. Am nächsten Tag, so geht die Legende, griff ein verrückter, weißer Mann mit seiner Armee die Sowjetunion an.
Glücklicherweise verstand man den Grund für Hitlers Angriff aber irgendwann: Timur wurde wieder ordentlich beerdigt und gleich am nächsten Tag drehte sich das Blatt: Kriegswende.

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