
Gut, mir passiert auch direkt am Anfang eine Art Kardinalsfehler: als kleines, blondes Mädchen sucht man sich immer (!!!) einen netten jungen Mann an Grenzübergängen. Funktioniert sogar bei Visumsüberschreitung in der Türkei.
Diesmal vermischen sich aber irgendwie die Schlangen und der Inbegriff einer russischen Beamtin (perfekt sitzende Uniform, blonder Pagenschnitt, streng nachgezogene Augenbrauen, keinerlei Mimik) haut auf den Tisch vor sich und winkt mich zu sich an den Schalter.
Die sorgfältig eingeklebten Registrierungsnachweise aus Usbekistan reisst die Dame einfach aus dem Pass.
Mein Foto wird dafür sehr skeptisch ausgiebig betrachtet (gut, die braunen Haare standen mir auch einfach nicht so gut) und dann passiert mir der nächste Kardinalsfehler: „Sprichst du Russisch?“ - „Да“. Und daraufhin möchte es die Dame ganz genau wissen. Was ich in Indien gemacht habe. Was im Iran, was in Turkmenistan. Warum Iran? Die Gruppe wartender Usbeken hinter mir ist von dem Schauspiel offensichtlich sehr belustigt und kommentiert meine stümperhaften Antworten mit Lachen und Klatschen.
Der Dame reicht das alles nicht, nach einigen Telefonaten kommt ein Vorgesetzter. Dieser bittet mich in einen abgetrennten Raum, wo ein höherer Vorgesetzter auf mich wartet. Jetzt geht die Fragerei von vorne los, die Herren interessiert auch der Name meiner Uni, sowie mein Bundesland. Jetzt gibt es an der kasachischen Grenze bestimmt eine schöne Akte über Coфия шмиmц aus Се́верный Рейн-Вестфа́лия.
Ganz plötzlich gibt es aber Entwarnung: als ich bemerke, dass ich Medizin studiert habe, gibt der oberste Vorgesetzte seinem Untergebenen ein Zeichen: "Ach lass gut sein, die ist Ärztin".
Offensichtlich funktioniert „Lasst mich durch, ich bin Arzt!“ nicht nur bei langen Warteschlangen, sondern auch bei Grenzübergängen, wenn man als Terrorist oder so verdächtigt wird.
Es wurde vermehrt nach unseren Transporterfahrungen gefragt. Ganz ehrlich, bis jetzt war alles kinderleicht. Auf der kasachischen Grenze springen wir in einen Multivan, warten bis alle Plätze belegt sind und los geht‘s. In Shymkent müssen wir zwar innerhalb der Stadt in einen vollbepackten Stadtbus um zum nächsten Bushof zu kommen, aber auch das geht mit ein paar Wörtern Russisch recht einfach. Das Schwierigste an den Fahrten zurzeit ist da wohl eher die Hitze. Denn auch mit allen Fenstern geöffnet gleicht der resultierende Luftstrom eher einem Föhn auf höchster Stufe als einer erfrischenden Brise. Sogar beim Tanken gibt es keine Schwierigkeiten für uns alles mit zu bekommen - dank deutscher Anzeige!
In Türkistan angekommen, wird der lange Transport-Tag mit perfekten Abendsonnenstrahlen auf dem Yasaui Mausoleum belohnt. Timur Lenk höchstpersönlich spendierte dem Grab eines berühmten Poeten und Lehrers der Sufi-Glaubensrichtung dieses prachtvolle Gebäude. Leider wurde es vor Timur Lenks Tod nicht ganz fertig und so blieb die Hauptfassade kahl und dekorationslos. Zwar bietet das Innere des Mausoleums auch nicht viel, dafür ist die gegenüberliegende Seite der Hauptfassade umso beeindruckender. Vor allem die türkise Kuppel, die einem Softeis ähnelt!
Vor dem Einschlafen dürfen wir dann noch das lokale Nachtleben mit dem neuesten Scheiß aus der westlichen Musikszene miterleben. Direkt vom Balkon aus haben wir die beste Aussicht auf die kasachischen Jugendlichen, die ihre ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht auf der Tanzfläche erproben durften. Zum Glück schließt die Balkontür nicht richtig, so dass Unterhaltung pur auch beim Schlafen garantiert ist!

War das ganze Verhör auf Russisch? Hab immer wenn sich native speaker auf russisch unterhalten haben fast nichts verstanden. ^^
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