Bis mich, wahrscheinlich eher nach Sekunden als nach Minuten, ein Schlagloch unsanft aus meinen Träumen reißt. Für die nächsten Stunden ist an Schlafen kaum zu denken, auch wenn Constantin, unser Fahrer, den Schlaglöchern mit schlangenförmigen Routen zu entgehen versucht. Aber wo mehr Löcher als Asphalt sind, kann auch er nichts machen.
Wir brechen etwas verspätet gegen 8 Uhr morgens von Nukus zum Aralsee auf, was bedeutet, dass wir einen großen Teil der Strecke in der Mittagshitze zurücklegen müssen.
Mittagessen gibt es auf halber Strecke in einem kleinen Lokal, auf dem Hof kochen ein paar Männer einen riesigen Pott „Plov“, das usbekische Nationalgericht.
Dann hetzt Constantin, der etwa so gut Englisch spricht wie ich Russisch, uns einmal quer über den örtlichen Basar, um Essen, Wasser und Vodka zu kaufen.
Ab jetzt müssen wir etwa alle 20 Minuten anhalten, weil der Wagen heißläuft.
Dann schüttet Constantin einfach eimerweise Wasser über den laufenden Motor, wir schießen Fotos und es geht weiter.
Wenn ich auf die „Straße“ vor uns schaue, denke ich oft, Constantin fährt mit Absicht genau auf eine Unebenheit zu, um uns aus unserem Dämmerzustand zu reißen. Dann bereite ich mich auf einen Schlag vor: aber nichts passiert. Der Mann hat‘s drauf!
So sanft es geht fahren wir fast 10 Stunden bei mörderischen Temperaturen durch eine Region, die vor vielen Jahren mal fruchtbar von dem angrenzenden See gewesen sein muss.
Mitten in der Wüste fahren wir an einem kleinen Fischerdorf vorbei. Die Einsamkeit lässt sich an den vielen geleerten Vodka-Flaschen abmessen, die um die verfallenen Häuser im Sand herumliegen.
Als das Trinkwasser knapp wird und das Salzwasser auf unserer Haut einen alles überziehenden Film bildet, findet Constantin plötzlich mitten im Nirgendwo Wasser. Frisches Wasser, Trinkwasser.
Die Jungs entdecken das Kind in sich und planschen wie auf einem Erlebnisspielplatz im kühlen Nass.
Die letzten Meter legen wir dann klatschnass und hochzufrieden zurück als sich passend zum kitschigen Sonnenuntergang der Aralsee vor uns zeigt.

Der erneuten Abkühlung steht aber eine Art Watt-Wanderung durch ca. 50m Glibbermatsch bevor.
Sobald die bewältigt ist, geht der Spaß erst richtig los: ein sehr verliebter Koch scheint hier sein salziges Süppchen gekocht zu haben, wir proben Kunststücke wie „die vertikale Rolle“ oder den „senkrechten Wasserstand“. Schwimmen funktioniert erstaunlich gut in der Pudelposition.
Abends klassische Arbeitsteilung: die Frauen schneiden das Gemüse, die Männer holen Holz, Constantin macht Feuer, kocht, deckt den Tisch, schenkt Vodka ein...
Ein paar Blicke auf die traurigeren Fakten unseres spaßigen Ausfluges lassen uns alle mit
gedankenschweren Köpfen schlafen gehen:
Von 1960 bis 1997 hat sich der Wassergehalt des Aralsees um 90% verringert. Der Grund für unsere Schwimmfreude ist eine Zunahme des Salzgehaltes um das Vierfache.
Für die maschinelle Baumwollernte wurde daneben „Agent Orange“ eingesetzt, die erbgutschädigende Verbindung TCDD kann auch heute noch massiv in der Region nachgewiesen werden. (Quelle: wikipedia)
Die Bedrückung wächst, als wir am nächsten Tag nach fast 3 Stunden Wüstenfahrt den ehemaligen Hafenort „Moynaq“ erreichen.
Aralkum: die Wüste, die einmal der Aralsee war.
Am ehemaligen Hafen liegen Schiffsgerippe im Sand vor Anker, die Stadt liegt inzwischen ca. 200 km von der jetzigen Küstenlinie entfernt.
Die verwaiste Quietscheente „Fridolin“ gaukelt Ferienstimmung im Badeort vor.
Wieder zu Hause in Nukus und nach einer ausgiebigen Salzweg-Dusche bietet das Savitsky-Museum einen anderen Blick auf den Aralsee:
hier befindet sich die zweitgrößte Sammlung sowjetischer Avantgarde-Kunst vergessen in einem kleinen Wüstenmuseum neben karakalpakischen Gemälden von und mit dem Aralsee.
Fotos sind leider nur zu einem horrenden Preis zu haben, eine Auwahl an Bildern kann man aber hier bewundern: www.savitskycollection.org
Ich weiß ja nicht, wie viel eine Kunstempfehlung von einem Museumsmuffel wert ist, aber ich würde Usbekistan allein für das Savistky-Museum wieder besuchen!
Das Savitsky-Museum ist daneben ein gutes Beispiel für den Umgang von Taschkent mit der autonomen Provinz Karakalpakstan.
Gelder fließen kaum, das Savitsky-Museum ist viel zu klein für die Schätze, die es beherbergt.
In der ärmlichen Region Karakalpakstan wird paradoxerweise immernoch Baumwolle angebaut, obwohl die ja erst zur Austrocknung des Aralsees geführt hat.

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