Wir beschließen, die nächsten Tage zusammen zu verbringen.
Vor Sonnenuntergang schaffen wir noch einen kleinen aber in der Höhe durchaus ernst zu nehmenden Aufstieg, kommen an einer Jurte vorbei, wo wir mitten im Nirgendwo warmes Brot serviert bekommen und finden einen gemütlichen Zeltplatz direkt an einem Bach.
Der nächste Morgen startet entspannt mit Kaffee und Kaffeeweißer-Müsli-Mix.
Gestärkt geht es einen Hang hinauf, der mit einem dichten, beweglichen Teppich an Schafen bedeckt ist.
Ansonsten umgeht der Pfad glücklicherweise die meisten Aufstiege.
Erst gegen Nachmittag baut sich die zu überquerende Bergwand direkt vor uns auf.
„Von hier etwa 5 Stunden“, ruft uns eine Nomadenfamilie am Fuße des Berges zu.
So recht wollen wir das nicht glauben, wir halten uns doch für relativ fit und sind immerhin schon eine ganze Weile gewandert.
Sie sollten fast auf die Minute genau Recht behalten.
Den Aufstieg schaffen wir nur mit vielen Pausen (auf 3000m wird die Luft schneller knapp, als man so denkt) und mit der Aussicht auf eine ausgedehnte Jause mit Schoko-Kissen oben.
Denis opfert auf der Bergspitze sogar seine seit 2 1/2 Monaten mitgeschleppte Flasche eines deutschen It-Getränkes - ob aus Koffein-Bedarf oder um sein Gepäck um einen halben Kilo zu erleichtern, soll hier dahingestellt bleiben.
So gestärkt und gewappnet gegen alle Widrigkeiten, den See schon im Blick scheint uns nichts mehr aufhalten zu können. Nur kommt der See einfach nicht näher.
Inspiriert von unserer Erfahrung am Vortag versuchen wir bei den nächsten Jurten erneut, an Brot zu kommen.
Das gleicht hier mehr einen Mutprobe, weil vor jeder Jurte grimmig knurrende Hunde warten, die bei der kleinsten Bewegung der ihnen anvertrauten Kühe aufspringen, um diese wieder zusammen zu treiben und uns als Eindringlinge nun auch alles andere als willkommen heißen.
Am Ende sind wir aber auch hier erfolgreich - wenn das Brot auch diesmal schon etwas älter ist (man gewöhnt sich so schnell an alles: da sind wir auf einmal enttäuscht, mitten im fast unbewohnten Hochland kein warmes, frische gebackenes Brot zu bekommen!).
Endlich findet sich ein Zeltplatz ca. 50m vom Seeufer entfernt und wir genießen den lauen Abend bei wunderschönem Licht.
Kaum etwas könnte die Stimmung vermiesen - außer vielleicht ein kurzer, heftiger Sturm, der von einer Sekunde auf die andere aufzieht und uns wieder einmal für die Sturmleinen am Zelt dankbar sein lässt.

Am nächsten Morgen nähert sich von der nächsten Jurte eine Gestalt, die man wohl nach allen Regeln der Kunst als „kernig“ bezeichnen könnte.
In Gummistiefeln und wehendem Mantel kommt ein Mann auf uns zu, der uns zu verstehen gibt, dass wir doch bitte herüberkommen und mit ihm einen Tee in seiner Jurte trinken sollen.
Trotz deutscher Kaffee-Lust nehmen wir die Einladung gerne an, zumindest die auf den Tee. Den angebotenen frischen Fisch lehnen wir dankend ab - dabei guckt der uns so verlockend aus seiner Plastiktüte an.
150 Fische fängt er am Tag, sagt der Mann. Und dazu hat er 110 Kühe. Wenig, meint er.
Die anderen hat er verkauft: der Sohn hat geheiratet, er hat ein Auto gekauft...
Auf die Frage, ob er denn auch im Winter am See in der Jurte bleiben würde, antwortet er einfach: „Normalnij!“, mit einer Lässigkeit, die man sonst nur Baseball-Kappen-tragenden Jugendlichen mit Jogginghose zutrauen würde.
Unsere Schoko-Waffeln kommen als Gastgeschenk recht gut an, wirklich groß werden seine Augen aber erst, als Hanno ihm eine „echte“ Marlboro-Zigarette anbietet.
Hier trennen sich unsere Wege auch schon - Rahel und Hanno machen sich auf den Weg nach Osh, wir möchten über kurz oder lang zurück nach Bishkek.
Der Weg führt uns eigentlich einfach am See entlang.
Als wir Hunger bekommen, steht wie zufällig genau zum richtigen Zeitpunkt eine Jurte am Wegesrand.
Der Hausherr gibt uns zu verstehen, dass er kein Brot hat, weil seine Frau nicht da ist, dass wir an der nächsten Jurte aber welches bekommen können.
Als Eskorte gibt er uns zwei Jungs auf Eseln mit.
An der Jurte angekommen, werden wir gleich reingebeten, um mit der Familie zusammen zu essen.
Die Jungs sind die Söhne des Hausherren, daneben hat er noch 3 Töchter.
Es gibt gaumenschmeichelndes Brot, streichzarte Butter und verschiedene Marmeladen - alles natürlich selbstgemacht von der Hausherrin. Dazu Tee mit Milch. Ein Festmahl!
Wir fühlen uns schlecht, weil wir keine Gastgeschenke mehr haben.
Geld kommt gar nicht gut an, wird sofort abgelehnt.
Ich finde noch ein paar hübsche Ohrringe für das Mädchen in meinem Gepäck, den Jungs geben wir unseren letzten Schokoriegel und eine angebrochene Packung Kekse.
Angesichts des reichhaltigen Mahls ein extrem karges Angebot, aber man kann sich ja nun einbilden, dass die Geste zählt...
Unser Weg führt uns weiter den See entlang, der Plan ist, eine Nacht hier zu verbringen und am nächsten Morgen weiterzutrampen.
Leider wird das Seewasser immer schmutziger, je weiter wir uns vom Zentrum entfernen und sieht inzwischen alles andere als trinkbar aus.
Unsere Frage nach einem Fluß oder einer Quelle wird an jeder Jurte anders beantwortet. Mal direkt um die Ecke, mal einige Stunden weit weg.
Als wir kurz vor Sonnenuntergang völlig übermüdet und ohne Aussicht auf Trinkwasser bei einem Jurtencamp ankommen, nehmen wir dankbar die Einladung von Babagul und Jackson auf einen Tee an und entschließen uns, einfach zu bleiben.
Und wo wir schon mal da sind, tauschen wir unser gemütliches 2-Mann-Zelt für die Nacht dann gegen eine geräumige locker-20-Mann-Jurte ein.
Während die Männer im Abendgrauen die Schafe zusammentreiben, bereiten wir unser Nachtlager vor und lassen uns erschöpft in die Matratzen fallen.

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